EURO am Sonntag, 17.08.2003

Ganz entspannt krank sein

Ständig Trouble bei der gesetzlichen Krankenversicherung. Da wäre man gerne Privatpatient. Doch längst nicht jeder, der wechseln will, kann das auch. Und längst nicht für jeden lohnt es sich. Wer zu einer privaten Kasse wechseln kann, wem es etwas bringt, welches die günstigsten Tarife sind.

Gesundheitsministerin Ulla Schmidt hat eine, CSU-Gesundheitsexperte Horst Seehofer ebenso. Auch der Großteil der Berater bei der Gesundheitsreform haben private Krankenversicherungen. Und darüber, welche Kürzungen Normalbürger schlucken müssen, entscheiden im Bundestag mehr Mitglieder der privaten Krankenversicherung (PKV) als Betroffene. Denn 60 Prozent der Abgeordneten sind nach Schätzungen der Bundestagsverwaltung keine Kassenpatienten.

Beim Wahlvolk draußen sieht es anders aus. Dort kommen nur zehn Prozent in den Genuss einer bevorzugten Behandlung als Privatpatient. Der Grund: In eine Privatversicherung wechseln darf nur, wer selbstständig ist oder viel verdient. Derzeit muss ein Angestellter im Monat mindestens 3.825 Euro verdienen, denn die Ministerin hat im vergangenen Jahr die Grenze kräftig nach oben gesetzt. Bleiben Schmidt und Co zudem bei ihrer Vorliebe für die Bürgerversicherung, in die dann alle einzahlen müssen, entkommt bald keiner mehr aus der gesetzlichen Krankenkasse (GKV) in eine private Versicherung.

Wer jetzt noch wechseln will, um nicht zwangsversichert zu werden, muss wissen, dass er sich nicht nur für einen anderen Anbieter entscheidet, sondern für ein anderes System. Ein Übertritt ist nur in Ausnahmesituationen wieder rückgängig zu machen. Ab 55 Jahren ist für Normalsterbliche jede Rückkehr verbaut. Selbst wer nur noch einen Teilzeitjob ausübt oder lange arbeitslos ist, kann dann nicht mehr in die gesetzliche Kasse zurück. Ältere haben nur noch das Recht, innerhalb der Kasse in einen günstigeren Tarif zu wechseln. Der aber kostet trotz abgespeckter Leistungen immer noch so viel wie der Höchstsatz in der GKV.

Der Vorteil: In der PKV zahlt jeder nur so viel in die Versicherung, wie ein durchschnittlicher Kunde in seinem Alter und mit seinem Gesundheitszustand verbraucht. Sozialer Ausgleich ist dem System fremd, es gibt nur eine Solidargemeinschaft von Kranken und Gesunden. Daher ist die Police für Frauen auch teurer als für Männer: Für Schwangerschaften, Geburten und Wechseljahrbeschwerden müssen in der PKV ganz allein die Frauen aufkommen. Es gibt auch keine Familienmitversicherung. Pro oder kontra Privatversicherung hängt daher immer auch von der Familienplanung ab: Wer sich vorstellt, dass der Ehepartner mit drei Kindern zu Hause glücklich wird, ist kein Kandidat für die PKV. Anders ist es, wenn beide gut verdienen und trotz ein oder zwei Kindern ihre Jobs nicht aufgeben wollen. Dann kann sich eine private Police rechnen, obwohl man für die Kinder gesondert zahlen muss.

Dazu muss man aber auf einen Selbstbetrug verzichten, der weit verbreitet ist. Man darf die private Krankenversicherung nicht als Sparmodell verstehen, auch wenn Werbebotschaften wie "jetzt umsteigen und sparen" genau das suggerieren. Gesundheit kostet ihren Preis. Wer im Krankheitsfall optimal versorgt sein will, kann diesen Schutz nicht zu Dumping-Preisen einkaufen. Doch genau hier machen die Vertriebe und die Kunden die meisten Fehler. Die Vertriebe, weil sie Tarife über die niedrige Prämien verkaufen, die in jungen Jahren zu zahlen sind. Und die Kunden, weil sie die Ersparnisse gegenüber dem Kassenbeitrag nicht zur Seite legen. Das aber ist das einzig Sinnvolle. Denn durch den Zinseszinseffekt kommt so ein stattlicher Betrag zusammen. Wer beispielsweise 160 statt 270 Euro im Monat zahlt, hat schon nach fünf Jahren bei vier Prozent Zinsen 7.250 Euro auf dem Konto. Nach 30 Jahren sind es bereits knapp 76.500 Euro.

Mit dem angesammelten Geld lassen sich nicht nur Beitragsänderungen im Alter auffangen sowie die Policen während des Erziehungsurlaubs und für die Kinder zahlen. Das von Jahr zu Jahr üppiger werdende Finanzpolster erlaubt es auch, die Prämien niedrig zu halten. Der Kniff: Man schraubt mit dem Anwachsen des Kapitalstocks nach und nach die Selbstbeteiligung hoch. Denn wer einen Teil der Kosten aus der eigenen Tasche bezahlt, wird für diesen Selbstbehalt mit deutlich niedrigeren Prämien belohnt. Je höher die Eigenleistung, desto größer der Nachlass.

Das rechnet sich für beide: Derart auf Eigenverantwortung getrimmte Kunden brauchen ihren Versicherer viel seltener als Zahlmeister. Das spart zusätzlich zur geringeren Schadenquote auch Verwaltungskosten. Und der Versicherte spart so übers Jahr oft mehr Prämie als er an Selbstbehalt zahlt und ist bei schweren Krankheiten dennoch optimal abgesichert.

Für Selbstständige ist die Eigenbeteiligung ein Muss, denn hier wird der Selbstbehalt aus der gleichen Kasse bezahlt, die von der Beitragsermäßigung profitiert. Nicht so bei Angestellten. Dort beteiligt sich der Arbeitgeber nur an den Prämien. (...)

Mindestens zwei Stunden dauert es, bis der unabhängige Versicherungsmakler Udo Funke im Kundengespräch herausgefiltert hat, welche Police passt. "Man muss mit viel Feingefühl vorgehen", sagt er. Die Tarifdetails kapiere keiner auf Anhieb. "Kein 35-Jähriger weiß, auf was es später beim Zahnersatz ankommt." Vollends kompliziert wird es, weil es nicht nur auf die Leistungen ankomme. Auch die Gesellschaft muss stimmen. Sie muss wirtschaftlich gut dastehen, darf nicht oft Tarife erhöht oder schlecht kalkulierte Policen durch neue ersetzt haben. Hintergrund: Privatversicherte können kaum wechseln, weil sie Alterungsrückstellungen nicht mitnehmen dürfen. "Meist ist es nach mehr als fünf Jahren unsinnig, die Gesellschaft zu wechseln", weiß Funke.

Trotzdem wildern unseriöse Vertreter in den Beständen. Selbst kranke Kunden werden nach 20 Jahren Zugehörigkeit in scheinbar günstigeren Policen untergebracht. Das Problem: Vertreter, die nur für eine Firma verkaufen, mogeln schon mal bei den Gesundheitsangaben. Nur: Werden diese nachgeprüft, steht der Kunde schlimmstenfalls ohne Versicherung da. Beratungshaftung wie beim Makler? Pustekuchen. Daher muss man auch kritisch prüfen, von wem man sich helfen lässt. Schwarze Schafe preisen sich schon mal am Telefon als Versicherungsmakler an. Doch auf den Visitenkarten oder im Briefkopf steht davon nichts mehr. Dann ist Vorsicht geboten ...

04.07.2007